Mohn, Koblenz

Ein 365-Tage-Projekt

Heute habe ich das letzte Bild meines 365-Tage-Projekts veröffentlicht. 365 Bilder, fast jeden Tag eines, und nun bin ich fertig.

Was ist das, ein 365-Tage-Projekt? Viele haben es schon vorgemacht, ich habs noch nie nachgemacht.

Man macht ein Jahr lang an jedem Tag ein Bild. Mehr nicht – oder doch? Die wesentliche Herausforderung ist es, sich konstant über einen langen Zeitraum intensiv mit der Fotografie und vor allem mit dem Suchen, oder besser Finden, von Motiven zu befassen. Das strengt an, aber es erdet und schärft den Blick.

Auf die Idee gekommen bin ich durch die Folge 112 des empfehlenswerten Photologen-Podcasts. Nach dem Hören dieser Folge habe ich mich entschlossen, mein eigenes 365-Tage Projekt zu starten. Der erste Tag des Projekts war Freitag, der 23.08.2019.

Warum mache ich das?

Es ist mir zu wenig, nur auf den paar Fotoreisen im Jahr richtig zu fotografieren. Wenn ich aber zuhause bin, fehlt mir oft die Motivation, die Zeit oder die Inspiration, um rauszugehen und zu fotografieren. Durch das 365-Tage Projekt zwinge ich mich dazu. Meine Kamera ist immer dabei und ich übe mich täglich im Fotografieren. Mit dem Projekt möchte ich folgende Ziele erreichen:

  • meinen Blick für Motive schärfen und völlig neue Motive entdecken
  • meine Festbrennweiten besser kennenlernen
  • meine Kamera besser kennenlernen

Die Regeln

Aber ich wollte nicht jeden Tag irgendein Bild machen. Es soll möglichst ein „halbwegs richtiges“ Bild sein. Deshalb habe ich mir folgende Regeln auferlegt:

  • möglichst alle Bilder sollten mit meiner Nikon Z7 entstehen. Eher nicht mit dem Smartphone, das ich ja immer dabeihabe. Das bedeutet, dass ich für ein Jahr meine Nikon jeden Tag dabeihaben werde. Am Ende sind es dann doch ein paar Bilder mit dem iPhone, aber auch mit meiner alten Fuji X-E2 geworden.
  • die ersten Bilder wurden ausschließlich mit 50mm Festbrennweite gemacht. So habe ich diese Brennweite endlich mal genau kennengelernt. Später habe ich den Spielraum auf alle Brennweiten erweitert.
  • ich habe jeden Tag ein Bild desselben Tages auf dem eigens dafür eingerichteten Instagram-Account @tzf365 gepostet und das Bild u.a. mit dem Hashtag #365 markiert.

So, viele, aber nicht zu viele Regeln waren aufgestellt und ich hatte richtig Lust auf die Sache! Ich freute mich auf meine persönliche Herausforderung und war gespannt, wie es um meine Disziplin bestellt ist und welches Gesamtwerk am Ende entstanden sein wird.

PS: Was bedeutet das „tzf“ in #tzf365? Es war schwierig, für den Instagram-Account einen kurzen Namen zu finden, der die Zahl „365“ enthält. Also habe ich der „365“ einfach die ersten Buchstaben von „Thomas Zilch Fotografie“, eben „tzf“ vorangestellt.

Update am 18.04.2020

An diesem Tag habe ich das Bild mit der Nummer 223 eingestellt. Ein Gänseblümchen aus dem Garten. Im Hintergrund ein paar Vergissmeinnicht.

Wie ist es mir inzwischen mit dem Projekt ergangen?

Schon wieder Gänseblümchen, Bendorf

Anfangs, so etwa bis zum Bild 50, lief es recht gut. Ich bin mit sehr offenen Augen meiner Wege gegangen. Die Kamera war immer dabei und ich habe ein paar überraschende neue Einblicke in Details bekommen, an denen ich bisher immer achtlos vorbeigegangen bin. Ich wurde richtig neugierig und habe Dinge fotografiert, die ich so nie gesehen hätte. Dadurch sind mir Bilder gelungen, die ich immer bei anderen Fotografen bewundert und mir die Frage gestellt habe, wie die Leute nur darauf gekommen sind, dies und jenes zu fotografieren.

Ein beabsichtigter Lerneffekt hat sich recht schnell eingestellt, nämlich das Verständnis für 50 Millimeter Brennweite. Es fällt mir jetzt viel leichter, ein Motiv anzusehen und zu entscheiden, welche Brennweite die richtige ist. Dadurch ist die Verwendung von Festbrennweiten, die ich sehr liebe, viel einfacher geworden. Klar, mit den Füßen zoomen muss man bei Festbrennweiten immer, das macht den Reiz aus und ist eine wichtige Zutat für gute Bilder. Aber totale Fehlgriffe bzw. planlose Objektivwechsel kommen nahezu nicht mehr vor. Das ist ein riesiger Lerneffekt, den ich schon sehr früh im Projekt mitnehmen konnte.

Aber es dauerte nicht lang, bis ich erste Schwierigkeiten bekam, neue Motive zu finden. Recht schnell stellte ich fest, dass es im Tagesablauf doch eine gewisse Regelmäßigkeit gibt, mit der sich Ereignisse, Wegstrecken, Tätigkeiten wiederholen. Mit zunehmender Dauer des Projekts feil es mir immer schwerer, im Bekannten etwas Neues zu sehen. Es wurde sehr zäh… Da half es ein wenig, dass ich öfter mal auf Dienstreisen unterwegs bin. Wenn dann die Kollegen im Restaurant saßen, bin ich noch nochmal schnell los und habe mein Tagesbild gemacht. An dieser Stelle im Projekt war das Dranbleiben unheimlich wichtig. Immer wieder die Kamera mitnehmen, immer wieder recherchieren, was es am Dienstreiseort zu sehen geben könnte, immer wieder rausgehen und sich an manchen Abenden mit Ausreden früher von den Kollegen verabschieden oder erst später dazuzukommen. So wie ich mich kenne, wäre das Projekt gescheitert, wenn hier nicht eisern geblieben wäre.

Ab den 100. Bild lief es dann wieder. Ab und zu eine Fotoreise in den Schwarzwald, nach Norwegen oder nach Portugal machten es leicht, täglich ein akzeptables Bild abzuliefern. Zuhause war es dann aber wieder schwierig, vor allem im rheinischen Winter, in dem es ja keinen Schnee, sondern nur trübes Sauwetter gibt.

Es gab auch ein paar Tage, an denen ich es partout nicht geschafft habe, ein Bild zu machen. Ich habe dann am kommenden Tag einfach zwei Bilder abgeliefert. Diese „Vorfälle“ haben sich bis dato aber nur wenige Male wiederholt. Auch habe ich entgegen der Regel, die ich mir selbst auferlegt habe, das eine oder andere Handybild veröffentlicht. Nämlich dann, wenn es wirklich ein neues Motiv war und mir das Bild gut gefallen hatte.

Nach dem Winter kam der Frühling und mit dem Frühling kam das Corona-Virus nach Deutschland. Für mich bedeutete das, noch mehr zuhause sein, noch weniger weit rauskommen, noch intensiver nach Motiven suchen. Komischerweise bin ich dadurch nicht zum Indoor- oder Food-Fotografen geworden. Das wäre naheliegend gewesen, macht mir aber keinen Spaß. Vielmehr bin ich in den Garten und habe mir Blümchen und Gräser etwas genauer angesehen. Dabei habe ich meine Liebe für die Fotografie der kleinen Dinge wieder entdeckt. Leider gibt es von Nikon noch kein Makroobjektiv mit Z-Bajonett, aber meine Zwischenringe tun am Nikkor Z 85/1.8 S und am Nikon AF-S 70-200/4 auch sehr gute Dienste.

Und ich habe mein Fahrrad wiederentdeckt und festgestellt, dass es viel Spaß macht, durch die Natur zu düsen und ab und zu anzuhalten, um zu fotografieren. Dabei habe ich ein paar Ecken nahe meines Wohnortes entdeckt, die mir in den letzten 23 Jahren, in denen ich hier wohne, verborgen geblieben sind.

Das Fazit bis dahin war sehr positiv:

  • ich bin stolz, dass ich es bis hierher geschafft habe
  • durch die nahezu tägliche Benutzung von Festbrennweiten habe ich viel über deren Wirkung gelernt
  • die Bedienung meiner Kamera ist mir in Fleisch und Blut übergegangen
  • es fühlt sich gut an, mit wenig Ausrüstung unterwegs zu sein. Am liebsten mit dem Happy Trio 24, 50 und 85 Millimeter

Das Bild mit der Nummer 223, das Gänseblümchen. Fast zwei Drittel des Weges waren geschafft. Ehrlich gesagt war ich damals schon ein wenig stolz, wenn ich in die Bildergalerie geschaut habe. Es sind keine Meisterwerke drin, aber es ist ein ganz persönliches Tagebuch der vergangenen 223 Tage meines Lebens.

Update am 28.07.2020

An diesem Tag, dem Tag 325 gab es mal wieder ein zum Glück seltenes Essensbild. Nicht, weil mir nichts Besseres eingefallen ist, sondern weil ich echt stolz auf meinen selbst gemachten Sahnehering war und immer noch bin!

Essen! Sinzig

Nur noch 41 Tage, bis mein Projekt beendet sein wird. Was kommt noch? Es standen einige Dienstreisen und auch zwei Urlaubsreisen an. Einmal nach Bayern und dann zwei Wochen später nach Dänemark.Da ist es mir leicht gefallen, jeden Tag ein gutes Bild zu machen. Und auch die Tage dazwischen konnte ich gut füllen.

Langsam fing ich an zu überlegen, was vom Projekt übrig bleiben soll, wenn ich damit fertig bin.

Einerseits war ich froh, dass es bald vorbei sein wird. Jeden Tag ein Bild machen zu müssen, hat mich manchmal sehr belastet. Ich war dann hin- und hergerissen zwischen „Mach einfach irgendein schnelles Bild“ und „Jetzt stell Dich mal nicht so an und sei gefälligst kreativ, verdammt nochmal“. Meistens wurde es dann irgendwas dazwischen.

Auf der anderen Seite war und ist es für mich schon ein gewaltiges Ding, als Hobbyfotograf jeden Tag ein Bild zu produzieren. Darauf bin ich ein wenig stolz und weiß bei jedem Bild, wie es entstanden ist, wie ich mich bei der Aufnahme gefühlt habe und was sonst noch an dem Tag los war. Jedes Bild ist eine Seite meines Tagebuchs des letzten Jahres.

Wie soll ich das Ganze also konservieren? Als Fotobuch mit 366 Seiten? Wird ganz schön teuer… Nur den Instagram-Account #tzf365 und diese Seite bestehen lassen? Wäre mir etwas zu wenig… Ich glaube, da brauche ich noch den einen oder anderen Geistesblitz…

Ich wollte das Ding jetzt erstmal zu Ende bringen und danach weitersehen.

Finale!

Und heute, am 06.09.2020 habe ich das letzte Bild dieses Projekts hochgeladen. Eine Nahaufnahme eines Apfels im herbstlichen Licht es Spätnachmittags. Eigentlich wollte ich zum Schluß ein „ganz besonderes Bild“ machen, aber auch dieses Bild gefällt mir, obwohl es keine drei Meter von der Haustüre entfernt aufgenommen wurde. Der gewissenhafte Leser stellt fest, dass seit dem Beginn etwas mehr als ein Jahr vergangen ist. Das liegt ganz einfach daran, dass ich an manchen Tagen auf Teufel komm raus kein Bild machen konnte.

Das Projekt ist nun beendet und ich bin froh und ein klein wenig stolz. Froh bin ich, weil es schon manchmal frustrierend war, in den Tag zu starten und fast zu wissen, dass man keine Bildidee parat hat. Die andauernde Suche nach dem Motiv nahm einen gewissen Raum im Tagesablauf ein, was manchmal dazu führte, dass ich andere Dinge fast vernachlässigt hätte. Andererseits bin ich stolz, dass ich das Ding bis zum Ende durchgezogen habe. Das Gelernte hat sich verfestigt, wie zum Beispiel, dass ich nun viel besser auf Anhieb abschätzen kann, welche Brennweite ich für ein Motiv benötige oder überhaupt das Erkennen von Motiven. Davon profitiert meine Fotografie jetzt und in der Zukunft.

Es stellt sich nun die Frage, wie ich die 365 Bilder aufbereiten, bewahren und zugänglich halten kann. Sicherlich nicht als Fotobuch, denn das würde mit 365 Seiten sehr teuer werden. Aber vielleicht findet sich ja ein Sponsor…

Sicherlich werde ich den Instagram-Account #tzf365 und die Galerie hier auf der Webseite bestehen lassen und vielleicht gibt es noch etwas auf Papier. Nur, was es ist, weiß ich noch nicht.

Mache ich nochmal ein 365-Tage-Projekt? In nächster Zeit sicher nicht. Aber ich kann mir vorstellen, mir andere Projekte „aufzuerlegen“. Ein 52-Wochen-Projekt mit einem bestimmten Thema vielleicht? Ich hätte dann zumindest eine Woche pro Bild Zeit und könnte auch anspruchsvollere Bilder machen, die etwas mehr gedankliche Vorbereitung benötigen. Oder ein Vierteljahresprojekt zu einem bestimmten Thema? Oder ein Jahreszeitenprojekt? Ideen hätte ich im Moment viele, mal sehen, was daraus wird.

Mich hat das Projekt definitiv weitergebracht. Ich habe viel über die Fotografie an sich und auch über mich und meine Beziehung zur Fotografie gelernt. Durch das pausenlose Nachdenken über die Fotografie habe ich mir andere Themenfelder jenseits der Landschaftsfotografie erschlossen. So war es ein anstrengendes, aber für mich persönlich sehr erfüllendes und letztendlich nützliches Projekt.

Und hier sind die Bilder