Können durch Zufall gute Bilder entstehen? Welchen Raum dürfen wir dem Zufall überhaupt geben?

Das sind interessante Fragen, die mich schon seit einiger Zeit beschäftigen. In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, meine Sicht der Dinge darstellen und zu einer Diskussion anregen.

Wie geht Landschaftsfotografie?

Wenn Landschaftsfotografen unter sich sind, ist oft von Planung und guter Vorbereitung die Rede. Das Wetter ist wichtig, die Wolken, die Gezeiten. Makrofotografen und Wetterfotografen interessieren sich auch für den Wind, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit. Wo stehen die Sterne, wo der Mond?

Das alles sind Fragen, die zweifellos wichtig sind für die Vorbereitung guter Landschaftsbilder. Neben der eigenen Erfahrung und dem Austausch mit Gleichgesinnten gibt es viele Internet-Ressourcen und Apps, die für die Planung herangezogen werden können.

Und wenn dann alles passt und alle Vorhersagen hoffentlich auch eingetreten sind, steht man an einer traumhaften Location hinter dem Stativ, drückt genau zum richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser und macht das perfekte Bild – oder auch nicht.

Nicht? Aber wir haben uns doch so gut vorbereitet…

Ganz einfach: Weil das Leben und damit auch die Fotografie komplex sind und zu einem guten Bild eben mehr gehört als nur das Berücksichtigen von vorher gemessenen physikalischen Größen.

Entstehen gute Bilder nur mit viel Planung?

Eine angemessene Planung ist eine wichtige, aber keinesfalls die einzige Zutat, aus denen unser Gericht besteht. Und sogar wenn wir diese Zutat weglassen, kann das Ergebnis sehr schmackhaft sein.

Das Titelbild ist ein Beispiel dafür, dass auch der Zufall schöne Ergebnisse hervorbringen kann.

Das Bild ist eines Morgens im Mai 2018 entstanden, kurz bevor ich zur Arbeit aufbrechen wollte. Mit der Kaffeetasse in der Hand stand ich in meinem Wohnzimmer und sah, wie sich die aufgehende Sonne ihren Weg durch den Nebel bahnte, der über den Rheinwiesen wallte.

Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, aber das Motiv war so schön und auch flüchtig, dass ich schnell das Telezoom auf die Kamera schraubte und vom Balkon aus eine Reihe von Bildern machte. Dabei konnte ich natürlich meinen Standort nicht groß variieren, das Stativ lag im Kofferraum meines Autos und an Filter dachte ich in diesem Augenblick auch nicht. Nur eben ein paar Bilder im Hoch- und im Querformat…

In der Bildbearbeitung musste ich das Bild croppen, da es mir ein wenig an Brennweite fehlte. Die anschließende Bearbeitung in Adobe Lightroom hielt sich mit einer Erhöhung der Klarheit (+40), der Dynamik (+20), der Belichtung (+0,50) sowie dem Entrauschen in Nik DFine in Grenzen. Herausgekommen ist ein stimmungsvolles Bild, dass sich sehen lassen kann.

Den Zufall planen?

„Schmeiß‘ den Plan weg und überlasse alles dem Zufall!“ wäre sicher die falsche Botschaft für Landschaftsfotografen. Denn durch gute Planung entstehen gute Bilder, auch bei mir. Aber es können auch ohne Planung gute Bilder entstehen.

Und bitte nicht falsch verstehen – und jetzt werde ich spitzfindig: Die Aussage ist nicht, dass Planlosigkeit gute Bilder hervorbringt! Denn „Planlosigkeit“ ist nicht das Gegenteil von „ohne Planung“.

„Ohne Planung“ gute Bilder machen können ist die Fähigkeit, eine unvorhergesehene Situation als gute Gelegenheit für ein Bild überhaupt zu erkennen, sich darauf einzulassen und dann intuitiv ein gutes Bild entstehen zu lassen.

Drei Schlüsselfähigkeiten

Diese Fähigkeit kann man sich aneignen. Sie besteht aus „Sehen“, „Wollen“ und „Beherrschen der Ausrüstung“. Das „Sehen“ setze ich mit Kreativität gleich. Diese kann man üben, es gibt viele Kreativitätstechniken (was für ein Wort!), wie z.B. die Verwendung der „Bigger Picture Cards“ oder der Karten von Inspiracles.

Das wichtigste ist aber, zu fotografieren. Ja, genau! Fotografieren, insbesondere das Sehen, lernt man durchs Fotografieren und durch das Betrachten, Auswerten und Besprechen seiner eigenen und der Bilder anderer Fotografen.

Das „Wollen“: Natürlich braucht es den Willen oder die Lust, Bilder zu machen. Die Freude an schönen Bildern und nicht die Technikverliebtheit ist eine weitere wesentliche Grundvoraussetzung. Als ich von meinem Wohnzimmer aus den Sonnenaufgang gesehen habe, hätte ich mir auch denken können „Och nö, das lohnt sich nicht. Ich hab ja kein Stativ zu Hand und ich muss gleich zur Arbeit und vom Balkon aus fotografieren geht gar nicht…. Mimimi…“ Dann wäre mir ein schönes Bild entgangen. Aber ich WOLLTE das Bild!

Woher bekommt man den Willen? So genau weiß ich das auch nicht, aber ich glaube, dass Erfolgserlebnisse diesen Willen nähren. Je mehr Bilder ich mache, mit denen ich zufrieden bin, desto mehr neue Bilder will ich machen.

Und zu guter Letzt ist es wichtig, seine Ausrüstung zu kennen und blind zu beherrschen. Dazu habe ich vor einiger Zeit einen Artikel geschrieben, der unten verlinkt ist.

Fazit

Schließen möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat aus dem Buch „Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ von Nassim Nicholas Taleb: „Wir sind im Großen und Ganzen besser, wenn wir handeln, als wenn wir denken […]“.

Gehen wir ein bisschen weniger verkopft an die Landschaftsfotografie heran. Denn es ist schade, wenn durch zu viel Nachdenken haufenweise gute Gelegenheiten ungenutzt an einem vorbeiziehen.

Weiterführende Links

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